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Russland - Ein

Wintermärchen



Live-Kameramann Frol Podlesnyi mit Felix Knopp in der Rolle des Dr. Garin in Der Schneesturm | Foto (c) Vahid Amanpour

Bewertung:    



Eine frostige Fragilität zieht Risse durch die Gesellschaft und lässt komplexe Gefühle aufflackern.

Mit Der Schneesturm inszenierte Regiestar Kirill Serebrennikov ein rauschhaftes, bildgewaltiges Theaterspektakel, das die Grenzen zwischen klassischem Schauspiel, Tanz und dystopischem Cabaret meisterhaft verwischt. Die Inszenierung basiert auf dem gleichnamigen Roman des regimekritischen russischen Autors Vladimir Sorokin.

Nach der Premiere bei den SALZBURGER FESTSPIELEN kam die Koproduktion im September 2025 an das Düsseldorfer Schauspielhaus, wo sämtliche Aufführungen lange im Vorfeld ausverkauft waren. Anders als in der ehemaligen Industriehalle in Salzburg wurde sie für die klassische Guckkastenbühne adaptiert. Das visuelle Geschehen (wie die Live-Kamera-Projektionen) wurde fokussierter und intim-klaustrophobischer auf den Zuschauerraum ausgerichtet. August Diehl, der in diesem Jahr den Deutschen Filmpreis für die beste männliche Hauptrolle als Titelfigur in Das Verschwinden des Josef Mengele erhielt, steht nicht mehr als Dr. Garin auf der Bühne des Großen Hauses. Felix Knopp übernahm dauerhaft seine Rolle mit einer tragikomischen Note:

Der Landarzt Dr. Garin will im tiefen russischen Hinterland eine rettende Impfung verteilen. Im abgelegenen Dorf Dolgoje wütet eine mysteriöse Seuche. Gemeinsam mit dem Kutscher Perkhusha (Filipp Avdeev) bricht der Arzt auf. Doch Schnee verweht den Weg und verzerrt die Orientierung. Auch Raum und Zeit beginnen zu verschwimmen. Ein anfangs unerschütterlicher Idealismus mündet hier in einen schleichenden, existenziellen Kontrollverlust. Der selbstsichere, fast heroische Philanthrop Dr. Garin gleitet daraufhin in völlige Haltlosigkeit ab. Nackte Panik löst bald einen paranoiden Rausch aus.

Das sich visuell eindrücklich entfaltende düstere Geschehen erinnert an eine dystopische Version von Don Quichotte und Sancho Pansa. Elemente des russischen Realismus des 19. Jahrhunderts verknüpfen sich mit Science-Fiction und dem Surrealismus. Ein aufwendiges Bühnenbild, Live-Projektionen, ein ausgeklügeltes Licht- und Videodesign, dichte Choreografien von Evgeny Kulagin und Ivan Estegneev sowie Live-Musik von Malika Maminova mit treibenden Rhythmen und sakral anmutendem Gesang machen die Aufführung zu einem multimedialen Gesamtkunstwerk.

Sorokin und Serebrennikov leben beide im Berliner Exil. Das Werk ist eine feinsinnige Parabel auf den russischen Staatsapparat. Die Inszenierung spiegelt eine tief sitzende russische Geistehaltung aus Trägheit, Unterwürfigkeit, Fatalismus und Suchtpotenzial wider. Das Bühnengeschehen weist auf heutige weltpolitische und geopolitische Verschiebungen hin. Die Figurenzeichnung deutet eine Chronik der Abwesenheit von kritischem Denken an.

Insbesondere Filipp Avdeev, der die Rolle des Kutschers auf sympathische, nahbare und eindringliche Art lethargisch und schicksalhaft ergeben mimt, sorgt für Publikumslacher. Während der dreistündigen Vorführung gibt es englischsprachige Übertitel für die russischsprachigen Originalpassagen. Im Publikum sitzen erstaunlich viele russisch- oder ukrainischsprachige Besucher, die sich über das Geschehen mitunter sichtlich lebendig und verschmitzt austauschen. Ein Zuschauer hinter mir betrachtet das Schauspiel bereits zum dritten Mal und kommentiert das Geschehen leise.



Der Schneesturm am Düsseldorfer Schauspielhaus | Foto (c) Vahid Amanpour

Ansgar Skoda - 16. Juni 2026
ID 15908
DER SCHNEESTURM (Düsseldorfer Schauspielhaus, 07.06.2026)
Regie, Bühne und Kostüm: Kirill Serebrennikov
Bühne und Kostüm: Vlad Ogay
Musik, Komposition: Alexander Manotskov
Musikalische Leitung: Daniil Orlov
Choreografie: Evgeny Kulagin und Ivan Estegneev
Videodesign: Ilya Shagalov
Lichtdesign: Sergej Kuchar
Sounddesign und Ton: Viacheslav Kasianov
Live-Musik … Malika Maminova
Live-Kamera … Frol Podlesnyi
Künstlerische Produktionsleitung: Alina Aleshchenko
Dramaturgie: Birgit Lengers, Anna Shalashova
Mit: Felix Knopp (als Dr. Garin), Filipp Avdeev (als Perkhusha) sowie Sonja Beißwenger, Yang Ge, Belendjwa Peter, Mikhail Poliakov, Slava Serdiuchenko, Varvara Shmykova und Claudius Steffens
Premiere bei den Salzburger Festspielen: 16. August 2025
Premiere am Düsseldorfer Schauspielhaus: 12. September 2025
Letzter (Düsseldorfer) Termin: 06.07.2026
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und Kirill & Friends Company


Weitere Infos siehe auch: https://www.dhaus.de


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